Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

30. November 2018, 17:00 Uhr

0003

Gustav Klimt

(Wien 1862 - 1918 Wien)

„Zurückgelehnt sitzende Dame im Profil nach links“
1897/98
farbige Kreide auf Papier
45,7 x 31,3 cm (Blattgröße), 34 x 30,5 cm (Passep.-Ausschnitt)
Signiert rechts unten: Gustav / Klimt.
Eigenhändig bezeichnet unten: Plakat 4; Totis 3; Schwarz Weiß 3; Porträts 5; Zeichnungen 3; Kalender 1; Univer 1; Dumba 1; Hofmuseumskizz 2; Hofmuseumbild 3; 6

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Literatur

Vergleiche: Alice Strobl, Gustav Klimt, Die Zeichnungen 1878-1903, Band I, Salzburg 1980, S. 127, WV-Nr. 388

Das Blatt wird von Frau Dr. Marian Bisanz-Prakken in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenommen.

€ 50.000

Auf Grund der eigenhändigen Notizen des Künstlers lässt sich relativ genau bestimmen, wann dieses in letzter Zeit bekannt gewordene Profilbildnis einer zurückgelehnt sitzenden Frau entstanden ist. Auf dem aufgeklappten unteren Streifen zeigt sich eine stichwortmäßige, durch Zahlen ergänzte Auflistung eines Teils jener Werke, die in dem Gustav Klimt gewidmeten Heft der Zeitschrift Ver Sacrum (1. Jahrgang, März 1898, Heft 3) zur Reproduktion gelangen sollten. Obwohl die Liste sich nicht in allen Punkten nachvollziehen lässt, ist sie eine bemerkenswerte Momentaufnahme aus der Wende zum Jahr 1898, in dem die Wiener Secession unter dem Vorsitz von Gustav Klimt ihre frühesten Ausstellungen veranstaltete und der erste Jahrgang von Ver Sacrum neue Maßstäbe für die moderne Graphik setzte.
Die Frage, ob das signierte Profilbildnis wirklich als Reproduktion in Ver Sacrum vorgesehen war, lässt sich nicht beantworten. Möglicherweise ist es eine stilisierte Variante jener Porträtzeichnung, die im Klimt-Heft reproduziert wurde und in der Alice Strobl das Modell für die rechte Randfigur der 1897 publizierten Allegorie „Tragödie“ erkannt hat (Strobl I, Nr. 335). In dieser bildhaft durchgeführten Zeichnung wiederum bekennt Klimt sich programmatisch zum Symbolismus, wobei er jenes Motiv einführt, das die Ikonografie der frühen Secessionskunst entscheidend prägen sollte: das trancehaft zurückgelehnte, weibliche Profilantlitz, als Metapher für das neuentdeckte Reich der Seele. Nicht nur in dieser Hinsicht ist die hier präsentierte Zeichnung als Modellfall des modernen Porträttypus anzusehen. Exemplarisch ist auch die Art, in der die schwungvolle Diagonale der Sessellehne die Dargestellte vom Betrachter abschirmt und den belebten Teil vom völlig leeren Vordergrund trennt. Dieser Schwung erfasst auch die parallel-linearen Strukturen der farbigen Kreiden, die Klimt – zumindest in dieser vor allem französisch inspirierten Art – nur in der frühen Secessionszeit zur Anwendung bringt. Nicht zufällig erinnern die blau schimmernden, fast abstrakten Linienformationen der Bekleidung an das 1898 präsentierte Gemälde „Bewegte Wasser“. Höchst bezeichnend für die "Stimmungskunst“ dieser Jahre sind zudem die weichen Übergänge von Formen und Farben; fast aufzulösen scheinen sich die Konturen von Gesicht und Haaren. In dieser aufregenden Phase des freien Experimentierens spielte die Arbeit auf Papier für Klimt eine nicht wegzudenkende Rolle.
(Marian Bisanz-Prakken)