Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

19. Juni 2018, 18:00 Uhr

0308

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Junge Frau in Unterwäsche mit erhobenen Armen“
1914
Bleistift auf Papier
47,7 × 31,6 cm
Signiert und datiert rechts unten: Egon / Schiele / 1914.
Rückseitig Bleistiftskizze (Torso eines weibliches Aktes)

Provenienz

österreichischer Privatbesitz, seit den 1920er Jahren;
Auktionshaus im Kinsky, 13. 05. 2014, Nr. 54;
österreichischer Privatbesitz


Literatur

Vergleiche: Jane Kallir, Egon Schiele: The Complete Works, New York 1990, WV-Nr. D. 1578 und D. 1580, S. 532

Die Zeichnung wurde von Jane Kallir im Original begutachtet und unter der Nummer *D. 1578a in den Nachtrag des Werkverzeichnisses aufgenommen.
Fotozertifikat von Jane Kallir, 19. Mai 2015, liegt bei.
Gutachten von Dr. Herbert Giese, 1. Feber 2018, liegt bei.

€ 170.000

Gutachten von Jane Kallir:
"I herewith confirm that I have examined the work reproduced in this photo (Young Woman in Undergarment with Raised Arm; pencil on paper; incomplete sketch of a nude, verso; 47.7 by 31.6 cm) in the original, and that, in my opinion, most or all of this drawing was executed by Egon Schiele. Although the overdrawn area around the subject's crotch is unusual, two drawings in my catalogue raisonné Egon Schiele: The Complete Works (D. 1578 and 1580) have similar characteristics. I have assigned Young Woman in Undergarment with Raised Arm the temporary number *D. 1578a, placing it within the sequence of works reproduced in the aforementioned publication. Because of the overdrawn area, the number is preceded by an asterisk, indicating a need for further study. I confirm that this work will be included in the next edition of the catalogue raisonné, if and when that book is revised."
(Jane Kallir, 19. Mai 2015)

Ergänzendes Gutachten von Dr. Herbert Giese:
"Die Authentizität des Blattes in seiner Gesamtheit wird nicht bezweifelt. Jane Kallir lädt aber dazu ein, die Strichstrukturen im Bereich der Scham ('the crotch area') zu überprüfen ('...need for further study'). Sie spricht davon, dass es hier - also im Schritt - möglicherweise zu Überzeichnungen ('overdrawn') von fremder Hand gekommen sein könnte. Sie bestätigt gleichzeitig die Aufnahme in die nächste Ausgabe des catalogue raisonné (...'if and when that book is revised').
Kunsthistorische Vorarbeit (für diese 'further study') liefert Jane Kallir durch den Hinweis auf die Blätter D. 1578 und D. 1580, die eine ganz ähnliche stärkere Betonung der Schamhaare erkennen lassen. Der Schluss, dass eine solche 'Betonung' nicht unüblich ist im Werk Egon Schieles ist also zulässig.
Bei den nun am Original vorgenommenen weiteren Untersuchungen der themenrelevanten Striche und sonstigen graphischen Notationen lässt sich folgendes feststellen:
Die dunkler (weil stärker aufgetragen) erscheinenden Bleistiftstriche sind nicht auf die eigentliche Scham begrenzt. Sie beginnen weit über Nabelhöhe (links vom Solarplexus) als aus- und einschwingende, zum Teil parallel geführte, zum Teil sich selbst kreuzende, ohne sichtbare Unterbrechung heller und dunkler einhergehende Strichfolgen, die im Bereich der Schamhaare annähernd ein Rechteck bilden, das zu zwei Drittel mit gezeichneten Kringel (=Schamhaar) ausgefüllt ist.
Diese graphische Besonderheit zielt nicht darauf hin, die Schambehaarung besonders realistisch hervor zu streichen (um eventuell einen 'größeren pornografischen Effekt' zu erreichen), sondern führt vielmehr zu einer Geometrisierung (graphischen Symbolfindung), die durchaus die Vermutung zulässt, dass sich Schiele hier nicht nur mit dem weiblichen, sondern (auf Grund der Form) auch mit dem männlichen Geschlechtsteil auseinander gesetzt hat (im Sinne einer 'allumfassenden' Symbolik nichts Ungewöhnliches bei Schiele).
Bei näherer Betrachtung wird auch erkennbar, dass die inkriminierten (dunklen) Striche verschiedentlich und durchaus organisch in hellere Striche übergehen, und dass sich die Linien harmonisch entwickeln. Anzeichen eines 'Einfach-hinein-Zeichnens' können nicht festgestellt werden.
Folgende formale (stilkritische) Beobachtungen sprechen ebenfalls für die Authentizität der untersuchungsgegenständlichen Partien.
Betrachtet man die Zeichnung (und ihre optischen Schwerpunkte) ganzheitlich, fällt auf, dass das rechte Achselhaar, die Strichfolge im Bereich des Bauches und der Scham und die Signatur eine nach rechts hin offene optische Spange bilden, die die sonstige Körperhaltung (die nach links hin offen ist) konterkarieren. Aus diesen gegenläufigen 'Bewegungen' resultiert die besondere Körperspannung, die die Zeichnung positioniert und im Gleichgewicht hält. Ein erst in der Analyse erkennbarer 'Kunstgriff', der die gestalterische und künstlerische Qualität besonders unterstreicht.
Aufgrund dieser Fakten und Wahrnehmungen bin ich überzeugt, dass die gegenständliche Zeichnung (*D.1578a)
in allen Teilen von der Hand Egon Schieles stammt."
(Dr. Herbert Giese, 1. Feber 2018)