Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Dezember 2017, 18:00 Uhr

Objektübersicht
Objekt

0673

Franz West*

(Wien 1947 - 2012 Wien)

„Ihr neues Herbstkostüm“
1977
Gouache über Seite einer Illustrierten; gerahmt
33,5 x 25,5 cm
Signiert und datiert unten mittig: West 77

Provenienz

Dorotheum Wien, 1999;
seither Privatbesitz, Wien

€ 10.000

Die scheinbaren Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzulösen gilt als eine der Prämissen Franz Wests, dem es gelang, ohne Rücksicht auf Konventionen signalhaft Objekte seines grenzenlosen Einfallsreichtums in die Welt zu setzen. Jedes noch so einfache Mittel war ihm recht, gerade die Simplizität seiner Materialmischungen wird durch Gedankengänge und -sprünge zum sicheren Effekt: Bekanntes wird verfremdet, Fremdes zur Selbstverständlichkeit.

In dieser Übermalung einer bunten Zeitschriftenseite isoliert Franz West die adretten Modelle in ihren neuen Herbstkostümen aus ihrem sinngebenden Umfeld. Einerseits bleiben von der preisenden Beschreibung der neuesten Mode nur einige Worte lesbar, andererseits stellt er die Damen in eine raumlose Monochromie, indem er den werbephotographisch inszenierten Hintergrund mit monochromem Orange und Maisgelb fleckenhaft überdeckt. Die beiden Farben beziehen sich auf die Mützen der Modelle, wie sie auch im Text erwähnt werden und folgen dem Rat des Modejournalisten, dem Schottenmuster die „leuchtendste Farbe“ zu entnehmen. Die Glätte der medialen Präsentation wird gestisch aufgelöst, denn harmlos gibt Franz West sich nicht zufrieden. Der Kontext, in dem die Figuren posieren, entfällt somit und entlarvt ihr artifizielles Auftreten.
Subversive Gedankenspiele dieser Art, ernst und unernst, aber auch beides zugleich, bringen vor allem in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren die Absurdität und Durchschaubarkeit mancher publizistischer Techniken zum Vorschein. Statt moralischem Fingerzeig oder Aufruf zur Rebellion bevorzugt Franz West seinen gnadenlosen Humor als Tool gegen Oberfläche und Herkömmlichkeit. Die matt auftrocknende Gouache „entwertet“ den Glanz der Magazine, aus der Verfremdung entsteht eine neue Interaktion zwischen Betrachter und Blatt. Das schonungslose Überschreiten von Grenzen dient schließlich der Erweiterung des Horizonts. Eine belanglose Zeitschriftenseite, die üblicherweise nach kurzem Blättern im Papierkorb landet, wird durch die Übermalung zum sozialen Medium einer Zeit weit vor den digitalen Filtern der Gegenwart. (Claudia Lehner-Jobst)