Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

05. Dezember 2017, 18:00 Uhr

0218

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Porträt des Kunsthändlers Paul Wengraf“
1917
schwarze Kreide auf Papier
45 x 29,5 cm
Signiert und datiert rechts unten: Egon / Schiele / 1917
Sammlungsstempel Viktor Fogarassy rückseitig

Provenienz

Paul Wengraf (direkt vom Künstler erworben);
Arcade Gallery London;
Stuttgarter Kunstkabinett, 21. - 22. November 1958, 32. Auktion, Nr. 952;
Sammlung Viktor Fogarassy;
Galerie Würthle, Wien;
Privatsammlung, Italien

Ausstellung

1917 Stockholm, Liljevalche Konsthall, Sept.;
1967 Darmstadt, Mathildenhöhe, 2. Internationale der Zeichnung, 16. Juli - 9. Sept., Nr. 86 (Abb.);
1973 Innsbruck, Galerie im Taxispalais, Gustav Klimt, Egon Schiele: Zeichnungen und Aquarelle, Juli - Aug., Nr. 43 (Abb.);
1980 Wien, Galerie Würthle, 60 Jahre moderne Kunst in Österreich, 6. Mai - 7. Juni, Kat.-Abb. S. 157

Literatur

Christian M. Nebehay, Egon Schiele, 1979, S. 575, Abb. 274;
Christian M. Nebehay, Egon Schiele. Leben und Werk, Residenz Verlag, 1980, S. 188, Abb. 182;
Jane Kallir, Egon Schiele. The complete works, New York 1990, S. 592, WV-Nr. 2093

Schätzpreis: € 100.000 - 200.000
Ergebnis: € 250.000

Der Kunsthändler Paul Wengraf (1894 - 1978), der mit seinem Bruder Fritz das Antiquitätengeschäft seiner Mutter in der Singerstraße in Wien im 1. Bezirk übernommen hatte, lernte Egon Schiele 1917 kennen und trat sehr bald in geschäftlichen Kontakt zu ihm. Überliefert wird Wengrafs Begeisterung für Schieles Gouachen von Porträts des Oberleutnant Grünwald, die in der berühmten Buchhandlung von Richard Lányi in der Kärntnerstraße 1917 zu sehen waren. Kurz danach ließ er sich selber porträtieren, insgesamt dreimal in Gouache, Kohle und Kreide (Kallir 1990, Nr. 2091 - 2093). Diese Blätter wie das Ölgemälde „Vier Bäume“ von Egon Schiele gehörten nachweislich zum Besitz Wengrafs.

Das vorliegende und vielleicht letzte Blatt dieser Porträtserie erbat sich Josef Hoffmann im selben Jahr 1917 für die von ihm kuratierte Wanderausstellung österreichischer Kunst nach Holland und Skandinavien. Wengraf lieh ihm die Zeichnung aber nur für Stockholm und schrieb schon im Oktober an Egon Schiele, dass er das Blatt vermisse und ergänzte:
" ... Soweit ich [das Blatt] in Erinnerung habe, ist es die denkbar beste Darstellung meines Inneren und Äußeren; die Hände an die Stirn gelegt, der Beschauer kann mutmaßen, daß ich mir in peinlicher Verlegenheit an den Kopf griff und nicht wußte, wo noch ein noch aus - und aus der Verlegenheit dieses zum Schicksal gewordenen Ungeschickes der Rede nach irgendwohin ausschaute - So werde ich - wenn je - der Nachwelt erhalten bleiben ...". (Brief Paul Wengraf an Egon Schiele vom 19. Oktober 1917, Egon Schiele-Archiv, Albertina, Nr. 38; zit. in: Nebehay, 1979, S. 430, Nr. 1286) Es handelt sich bei diesem Zitat um die einzig bekannte Äußerung, die ein von Schiele Porträtierter zu seinem Bildnis äußerte. (Nebehay 1979, S. 430)
Paul Wengraf nahm das Porträt mit nach London, wohin er 1938 emigrierte und die Arcade Gallery in der Old Bond Street gründete. 1958 verkaufte er das Blatt im Stuttgarter Kunstkabinett, wo es Viktor Fogarassy erwarb und bis Anfang der 1980er Jahre in Besitz hatte.

Vergleicht man die drei Porträt-Varianten Schieles von Paul Wengraf, tritt bei diesem vielleicht zuletzt entstandenen Blatt die Unmittelbarkeit in der Wiedergabe deutlich hervor. Schiele schafft hier kein Porträt im Sinne von Repräsentation, sondern schildert eine emotionale Regung, die das überlegene, nachdenkliche Image des Wissenschafters und Händlers negiert. Wie aus einem Guss, ohne Unterbrechung und mit der für Schiele so sicheren Linienführung werden die Umrisse des Mannes fast ohne Körperlichkeit gezeichnet, die ganze Konzentration liegt auf dem Moment des Erschreckens, die Hände schützend an die Schläfen gehalten. Unter Schieles Porträts, die generell immer nur auf den Kopf bzw. Hände fokussieren, nimmt dieses Blatt in der Darstellung einer impulsiven Geste, also einer Aktion, eines Erlebens eine Sonderstellung ein. Es scheint, als hätte hier Schiele eine von Wengraf möglicherweise gar nicht bemerkte Regung intuitiv gespeichert und in schnellem markantem Strich festgehalten. (MHH)