Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

21. Juni 2017, 18:00 Uhr

0827

Maria Lassnig*

(Kappel am Krappfeld/Kärnten 1919 - 2014 Wien)

„Knopfloch“
1958
Aquarell auf Papier; gerahmt
59,5 × 43,5 cm
Bezeichnet, datiert und signiert rechts unten: Figur 1958 ML Lassnig
Beschriftet am unteren Blattrand: Kat 89A

Provenienz

österreichische Privatsammlung

Ausstellung

1987 Salzburg, Galerie Thaddaeus Ropac

Literatur

Galerie Thaddaeus Ropac (Hg.): Maria Lassnig. Zeichnungen und Aquarelle 1957 - 1962, Zeichnungen 1986/87, Ausstellungskatalog, Salzburg 1987, Abb. S. 8.

€ 17.000

Die Informelle Kunst als neue Strömung nach dem zweiten Weltkrieg, die Maria Lassnig tief beeindruckte, war eine Reaktion auf die nicht zu bewältigende Realität. Seine Vertreter wollten sich nicht mehr mit dem „Außen“ der Welt beschäftigen sondern mit ihrem persönlichen Inneren, den subjektiven Empfindungen. Das Ergebnis waren abstrakte, oft farbintensive Bilder, die in gestischer Malerei inneren Zuständen und Gefühlen des Künstlers Ausdruck verliehen. Noch auf der Akademie kam Maria Lassnig zu der Überzeugung, dass für sie nicht die Außenwelt die Realität ausmacht, sondern ihre eigene Sicht und inneren Empfindungen. Über die Beschäftigung mit dem Art Informel und dem Surrealismus, dem sie sich über die literarische Seite nähert, suchte sie nach einem neuen Zugang und fand diesen über ihre Körperempfindungen. Damit meinte sie aber nicht unbedingt Emotionen wie Freude oder Trauer, sondern vielmehr sinnliche Empfindungen wie Druck, Spannungen, Geruchs- oder Sitzempfindlichkeit, die zu Bildern mit Titeln wie „Frühes Selbstportrait als Ohr“ oder „Selbstportrait als Briefkasten“ führten. Körpergefühle sind unmittelbare Wahrnehmung ohne Überlagerungen oder Verzerrungen, allerdings sind sie ob ihrer steten Veränderbarkeit schwer darzustellen - Welche Form, welche Farbe entspricht den Empfindungen? Lassnig erfindet ihre ureigenen Schmerzfarben, Druck- und Völlefarben, Krebsangstfarben, Todes- und Verwesungsfarben. Ihre ersten Körpergefühlsbilder entstehen zwischen 1947 und 49 als Zeichnungen. Deformation und Abstraktion als Ausdrucksformen bedeuten für sie dabei nicht Verlust sondern vielmehr Verdichtung. Immer wieder malt sie Selbstportraits und betont, dass wir unseren Körper nie so erfahren, wie wir ihn im Spiegel sehen, vielmehr kann sich unser „Körpergehäuse“ dehnen, zusammenziehen oder sich an bestimmten Stellen verdichten. Anders als in den Zeichnungen und Gemälden, in denen gerade die Druck- und Überschneidungspunkte betont werden, verschwimmen in ihren Aquarellen die Körpergehäuse und es bleibt nur mehr eine Empfindung, ausgedrückt durch Farbe, zurück. „Absolutes Farbsehen“ nannte sie den Vorgang, solange auf einen Farbpunkt zu starren, bis die „Lokalfarbe“verschwand und sich ein ganzes Spektrum, das sie Relativität der Farbe nennt, auftut und zur Wahl steht.
Die Erinnerung an das Gesehene soll vergessen werden – so ist auch das scheinbar banale Knopfloch nicht mehr erkenn-, aber doch ertast- und erfühlbar. (Ina Waldstein)