Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

20. Juni 2017, 18:00 Uhr

0206

Egon Schiele

(Tulln 1890 - 1918 Wien)

„Weiblicher Akt“
1917
schwarze Kreide auf Papier
45,8 × 29,8 cm
Signiert und datiert links unten: Egon / Schiele / 1917

Provenienz

Otto Stoessl (1875-1936), 1917 oder 1918 vom Künstler erworben, bis 1936;
Franz Stoessl (1910-1988), danach in Besitz seiner Witwe Rudolfine Stoessl (1922-2013), noch zu deren Lebzeiten verschenkt an ein Familienmitglied des gegenwärtigen Eigentümers;
seither Privatbesitz, Österreich

Jane Kallir hat das Blatt im Original begutachtet und die Echtheit bestätigt. Sie wird das Werk mit der Nummer D.1949a in den Nachtrag ihres Werkverzeichnisses aufnehmen. Fotozertifikat von Jane Kallir, 27. April 2017, liegt bei.

€ 250.000

Die beiden 1917 entstandenen Schiele-Zeichnungen "Weiblicher Akt" und "Häuser in Krumau" (Kat.-Nr. 206 und 207) befanden sich über viele Jahrzehnte im Eigentum Otto Stoessls und seiner Erben.
Otto Stoessl (1875-1936) war ein heute etwas in Vergessenheit geratener österreichischer Schriftsteller, der Beiträge für die "Fackel" von Karl Kraus verfasste, für die Wiener Zeitung schrieb und 1924 gemeinsam mit Robert Musil den Literaturpreis der Stadt Wien erhielt. Er war eine angesehene Persönlichkeit der Wiener Gesellschaft und mit vielen Künstlern befreundet. Adolf Loos errichtete für die dreiköpfige Familie des Literaten 1911 eine Villa in Hietzing, wo dieser oft Besuch empfing. Oskar Laske, Ernst Krenek oder Alban Berg etwa waren gerne gesehene Gäste in seinem Haus. Während des Sommers 1918 hatte Stoessl auch Kontakt zu Egon Schiele. Nach dessen Tod schrieb er in der österreichischen Wochenzeitung "Die Zeit" einen Feuilleton zu Egon Schiele: "… Ich erinnere mich wehmütig des einzigen, vor kaum vier Monaten mit dem hübschen, jungen Menschen in einem Hietzinger Gastgarten verbrachten Abend. … Er sprach nur über seine nächsten Gegenstände, Aufgaben, Personen, über sein Handwerk und dessen große Fragen, ohne Anmaßung und ohne jedes Pathos als von lauter selbstverständlichen, aber wichtigen Dingen…" (Otto Stoessl, Feuilleton "Egon Schiele", erschienen am 19. 11. 1918 in "Die Zeit", Wien, abgedruckt in: Christian M. Nebehay, Egon Schiele, Leben Briefe, Gedichte, Wien 1979, S. 491). Otto Stoessl, der Sohn eines jüdischen Arztes war, starb 1936 und musste die Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erleben. Sein Sohn Franz Stoessl jedoch, der die Schiele-Blätter erbte, verlor 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft seine Stelle als Lehrer und musste in die Schweiz emigrieren. 1953 kehrte der promovierte Altphilologe nach Wien zurück und erhielt eine Professur an der Universität, 1957 wurde er an die Grazer Universität berufen. Die Schiele-Blätter, die ebenso wie andere Kunstwerke in der Loos-Villa in Hietzing verblieben waren, übersiedelte Univ. Prof. Stoessl nach Graz. Mehr als vier Jahrzehnte später schenkte seine Witwe Rudolfine Stoessl die Zeichnungen Schieles einem mit der Familie Stoessl eng verbundenen Freund, der sich nun von ihnen trennt.

Im Gegensatz zu den Jahren 1915 und 1916, in denen Schiele durch den Militärdienst beansprucht war, wurde 1917 für ihn eine der künstlerisch produktivsten Phasen. In dieser Zeit entstand eine große Anzahl von erotischen Aktdarstellungen. Der hier präsentierte Frauenakt zeigt Schieles zunehmende Tendenz zu einer naturalistischen Darstellungsweise, die sein Spätwerk prägt. Charakteristisch für Schieles Verfremdungsabsicht ist die ambivalente Ausrichtung des Blattes. Obwohl die Darstellung auch als Querformat lesbar wäre, bringt Schiele die Signatur im Sinne eines Hochformats an. Diese irritierende Unstimmigkeit ist ein von Schiele bewusst gewähltes Gestaltungsprinzip, das den Eindruck der Ortlosigkeit und räumlichen Destabilisierung des Aktes verstärkt. Ohne Andeutung einer räumlichen Umgebung und herausgelöst aus jeglichem Zusammenhang, schwebt die Figur gleichsam schwerelos in der leeren Bildfläche. Schiele isoliert den weiblichen Körper von seinem Umfeld, sein Interesse gilt der ungewöhnlichen Perspektive und dem besonderen Blickwinkel. Der Blick des Betrachters fällt von oben auf den Rücken der Figur, wird zum Gesäß und rechten Oberschenkel geleitet und wandert der kräftigen Konturlinie entlang zur rechten Brust und dem angewinkelten rechten Arm bis zum schön gezeichneten Gesicht mit wallend gelocktem Haar. Die linke Schläfe auf die rechte Hand gelegt, hat das Mädchen den Kopf rechts zur Seite gedreht und begegnet mit nachdenklichem, in sich versunkenem Blick jenem des Betrachters. Wie in anderen erotischen Aktzeichnungen Schieles ist der Bezug Modell-Betrachter nachdrücklich forciert und der Vorgang des lustbetonten Ansehens an sich wird zum Thema. (CMG)