Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

30. November 2016, 18:00 Uhr

1079

Fritz Wotruba*

(Wien 1907 - 1975 Wien)

„Figurenfries, vierteilig, Relief“
1953
Bronze, gold-kupferfarbene Patina (jeder Teil hat eine andere Patina)
48×107,5 ×7 cm; 46,5×40,5×6 cm; 47,5×49×7 cm; 46,5×107,5×7 cm

Provenienz

direkt vom Künstler;
Privatsammlung, Österreich;
Dorotheum Auktion Klassische Moderne am 28. November 2012 Lot 1258

Literatur

Jürg Janett (Hg.), Otto Breicha: Fritz Wotruba. Werkverzeichnis Skulpturen, Reliefs, Bühnen- und Architekturmodelle (Erker-Verlag, St. Gallen, 2002), WV-Nr. 185, Abb. S. 197.

Wir danken Frau Mag. Stöger-Spevak von der Fritz Wotruba Privatstifung für die Hilfe.
Auflage: Vom gesamten Figurenfries existieren der vorliegende Bronzeguss sowie ein Zementguss. Von zwei Einzelteilen, nämlich vom zweiten Teil sowie von der rechten Hälfte des vierten Teils, die vom Künstler zu einem selbstständigen Relief umgestaltet wurde (WVZ.NR 186), existieren weitere Auflagegüsse.

€ 36.000

„Seine Arbeit ist die Bekämpfung und Gestaltung des Gefängnisses, das der Mensch selber macht und aus dem er nicht herauskann.“, kommentiert Elias Canetti 1955 das Oeuvre seines engen Freundes Fritz Wotruba. (Elias Canetti in: Fritz Wotruba. Wien, 1955, S. 24)
1953-1955 arbeitet der österreichische Bildhauer Fritz Wotruba an mehreren Aufträgen für Bauten: Es ensteht ein Relieffries für die Otto-Glöckel-Schule in Linz, sowie Figurenfriese für Wohnhausanlagen in Wien. Der vorliegende 4-teilige Figurenfries, in gold-kupferfarbenen Abstufungen patiniert, stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Im Chaos zergliedert angeordneter Figuren schafft Wotruba ausgewogene Verhältnisse. Aneinander hängende, sich aufeinander beziehende Körper springen rhythmisch vor und zurück. Sie reagieren konkav oder konvex auf die Fläche, in welche sie eingegliedert sind. Schlussendlich verschmelzen figürliche Darstellung und Umraum zu einer Einheit, die Figur löst sich in der Fläche auf. Die abwechselnd seitlich oder frontal positionierten Negativ- und Positivkörper sind zerklüftet, die gelängten Gliedmaßen von Köpfen und Rümpfen abgetrennt, wodurch das Schatten- und Lichtspiel die Szenen zum Leben erwecken vermag. Otto Breicha spielt auf Wotrubas archäologische Dimension in dessen Werk um 1950 an, die für diesen Figurenfries treffender nicht sein kann. Der Bildhauer holt urtümliche, archaische Formen hervor. (vgl. Hierzu: Otto Breicha in: Fritz Wotruba. St. Gallen, 1992, S. 16)
Um 1953 verändert sich Wotrubas Formensprache. Vormals blockhafte, geschlossene Darstellungen weichen schlanken, emporstrebenden röhren- und zylinderartigen Figuren. Diese neuartige Figurenauffassung wird in den leicht abgerundeten, gelängten Körperfragmenten dieses Figurenfrieses und auch im Linzer Relief bereits angedeutet und kommt nur kurz danach im Matzleinsdorfer Relief von 1955, sowie im „Großen Figurenrelief“ von 1957/58 zur Vollendung.
Über eines von Wotrubas großen Reliefs jener Zeit schreibt Elias Canetti: „[...] eine Gruppe von Figuren, so zusammengehängt, als ob sie aneinandergefesselt wären. Die Formen sind hier alle sehr rund, und als Fesseln wirken die Glieder dieser Figuren selbst. Keine können sich bewegen, ohne dass alle mit in Bewegung gerieten, keine könnte sich allein von den anderen lösen. Zusammen ziehen sie einander fort. Man könnte sagen, dass sie an sich zu schleppen haben, doch dieses Wort wäre zu schwer; ihre Bewegung hat etwas Edles und in der Fesselung Gelöstes. Sie sind daran, dem Raum zu entgleiten, den sie zusammen erfüllen. Bald werden sie, unter manchen Variationen ihrer Haltungen, anderswo stehen. Aber nie werden sie voneinander wegkommen können. Wer fallen möchte, wird von den anderen gehalten. Wotruba hat hier von den fließenden Möglichkeiten der Bronze einen optimalen Gebrauch gemacht. Andeutung ist alles. Die Gefangenschaft in Stein hat sich in Fesselung durch Bronze umgesetzt.“ (Elias Canetti in: Fritz Wotruba. Wien, 1955, S. 37 ff.) (Isabell Kneidinger)