Auktionshaus

Auktion: Klassische Moderne

29. November 2016, 18:00 Uhr

0222

Ernst Ludwig Kirchner

(Aschaffenburg 1880 - 1938 Frauenkirch bei Davos)

„Nackte Frau und Mädchen (wohl Anna Müller)“
um 1925
Aquarell und Kreide auf Papier
49,8 × 33,9 cm
Nachlass-Stempel rückseitig mit Nummer: A Da/Bg 6
Titel rückseitig: Nackte Frau und Mädchen
Signiert rechts unten: E L Kirchner

Provenienz

aus dem Nachlass des Künstlers;
österreichischer Privatbesitz

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv Wichtrach/Bern dokumentiert.

€ 150.000

Ernst Ludwig Kirchner wurde 1880 in Aschaffenburg geboren. Nach vielen Umzügen in seiner Jugendzeit, begann er ab 1901 mit dem Architekturstudium in Dresden. Im Jahr seines Abschlusses, 1905, gründete er gemeinsam mit Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rotluff die Künstlergruppe „Die Brücke“. Alle Künstler dieser Gruppe waren Autodidakten, die sich mit großem Eifer und Willen auf die Kunst stürzten. Durch das gemeinsame Selbststudium erlebten die Künstler die künstlerische Praxis. In nicht akademischer Manier, sondern in „herrlicher Arbeitswut“ (Kirchner in einem seiner Davoser Tagebücher) entstanden im Viertelstundentakt die ersten Aktzeichnungen. In den darauf folgenden Jahren reiste Kirchner erstmals nach Fehmarn und gemeinsam mit den anderen Brücke Künstlern - mittlerweile war auch Otto Mueller Mitglied - und dem Lieblingsmodell aller, Fränzi Fehrmann, an die Moritzburger Teiche bei Dresden. Im Jahr 1911 zog Kirchner nach Berlin, wo er sich bessere berufliche Chancen erhoffte. Vier Jahre darauf wurde er zum Militärdienst eingezogen. Die Kriegserlebnisse konnte Kirchner nicht verarbeiten und er brach sowohl körperlich als auch seelisch zusammen. Von den Erlebnissen des Ersten Weltkrieges sollte sich Kirchner nie mehr gänzlich erholen. Das Jahr 1916 verbrachte er im Sanatorium und reiste 1917 nach Davos in die Schweiz. Da ihm die Schweizer Bergwelt Erholung verschaffte, blieb er bis zu seinem Lebensende in Davos. Die Kirchner ständig begleitende Angst vor Fronteinsätzen im Krieg konnte in dieser Gebirgsidylle geschmälert werden und ließ ihn zur Ruhe zu kommen. Für die in Basel gegründete Künstlergruppe „Rot-Blau“, der auch Hermann Scherer und später Albert Müller angehörten, wurde Kirchner zur Leitfigur für eine neue Schule moderner Malerei.

Bei dem in diesem Aquarell dargestellten Akt handelt es sich wohl um Anna Müller. Sie war die Ehefrau des Künstlers Albert Müller, mit welchem Kirchner während des Besuchs der Familie Müller in Frauenkirch einen ständigen Kontakt pflegte. Bis zum Tod Albert Müllers 1926, vertiefte sich die Freundschaft zwischen Albert, Anna und ihren Zwillingen. Im Herbst 1925 fuhr Kirchner gemeinsam mit Albert Müller nach Zürich zur „Internationalen Kunstausstellung“.

Mit markantem und dynamischem Strich konturiert Kirchner die beiden dargestellten Figuren, die den gesamten Bildaufbau dominieren. Sie hocken auf einem der Teppiche, die Kirchner in den Davoser Jahren nach seinen Entwürfen von der Teppichweberin Lise Gujer anfertigen ließ. In den Atelier- und Interieurbildern der Davoser Jahre finden sich diese Teppichornamente häufig wieder.
In der Zeit von 1924-1938 werden koptische Teppiche für Kirchner zum bildlichen Musterbeispiel. Die Empfänglichkeit für Formen und Farben dieser Teppiche bringen Kirchner in die Nähe von Matisse, der sich in den 1920er Jahren maurischer, persischer und anderer fernöstlicher Motive bedient. Das geometrische Teppichmuster betont die rechtwinkligen und zum Bildrahmen parallelen Formen. In der Gesamtkomposition legt Kirchner starken Nachdruck auf vertikale und horizontale Wechselbeziehungen der Bildmotive.
Die Darstellung der Katze Boby ist ebenso ein wiederkehrendes Motiv aus der Davoser Zeit. Kirchner schafft mehr Katzenbilder, als die meisten anderen Künstler des 20. Jahrhunderts. In über hundert Werken verewigt Kirchner seinen Kater, der für ihn eine besondere Bedeutung einnimmt. Bereits die Ankunft des schwarzen Katers 1919 sieht Kirchner als ein Symbol des Neubeginns. Darüber hinaus symbolisiert dieser kleine Kater Unabhängigkeit und ein Leben in Selbstbestimmung.
Kirchners Gesamtwerk wird bestimmt durch die Wiedergabe des gesehenen Augenblicks. Der Künstler nutzte seine eigenen Erlebnisse stets als zentralen Ausgangspunkt seiner Bildfindung. Die Veränderung der Lebensrealität durch den Umzug nach Davos führte in seinem Schaffen zu idyllischen Bildthemen. Es entstanden Aktdarstellungen, die stets eine friedvolle und freundschaftliche Beziehung der dargestellten Figuren zeigen. Auch dieses Aquarell lässt sich zu diesen konfliktarmen und besonnenen Darstellungen zählen. (AKE)