Auktionshaus

Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts

12. April 2016, 17:00 Uhr

0217

Rudolf von Alt

(Wien 1812 - 1905 Wien)

„Blick auf das Kolosseum in Rom vom Konstantinsbogen“
1873
Aquarell auf Papier
34 × 66,5 cm
Bezeichnet, datiert und signiert rechts unten: Rom 14' Jänner (1)873 / R Alt

Provenienz

österreichischer Privatbesitz

Literatur

vgl. Walter Koschatzky, Rudolf von Alt mit einer Sammlung von Werken der Malerfamilie Alt der Raiffeisen Zentralbank Österreich AG, Wien/Köln/Weimar 2001 (2. Auflage), S. 396, WV-Nr. 99/09;
vgl. Rudolf von Alt 1812-1905. Die schönsten Aquarelle aus den acht Jahrzehnten seines Schaffens. Graphische Sammlung Albertina, 294. Ausstellung, 29.02.-29.03.1984, S. 169, Nr. 267 (SW-Abb.)

Schätzpreis: € 50.000 - 100.000
Ergebnis: € 40.000
Auktion ist beendet.

Rudolf von Alt beherrschte wie kaum ein anderer die Kunst des Sehens. Das beinhaltet die Wahrnehmung von Details, die Wahl interessanter Standpunkte und das Erfassen spezifischer Stimmungen. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt lässt sich Alts Entwicklung von genauester, fast kristalliner Naturauffassung hin zu einer immer größeren Auflösung von Formen verfolgen. So gelangte er unabhängig und aus eigener Erkenntnis zu einer Malerei der Impression, des Augenblicks.

Sein Aufenthalt 1873 in Rom ist relativ genau durch seine Briefe dokumentiert. Bereits im November 1872 kam er zum wiederholten, aber in seinem Leben zum letzten Mal in der Stadt an. Er wohnte im Hotel Amerika und berichtet von seinen Arbeiten am Forum Romanum, am Monte Pincio und am Kolosseum. Dort war er auch am 14. Jänner, wie er deutlich und als wesentliche Dokumentation auf dem Blatt mit dem Blick auf das Kolosseum vermerkte. Es war ein prominenter, immer schon viel gesuchter und gemalter Blick. Alt aber interessierte sich nicht für den Bau an sich, was ihn vielmehr reizte ist das Leben rundum, die Patina, die Schönheit des Verfalls, das sich auf dem Mauerwerk malerisch wiederspiegelt, die reizvolle Abfolge der Ein- und Ausblicke durch die Ruinenfenster. Und bei diesem Blatt setzte er noch einen weiteren, durchaus provokanten und aufregenden Akzent: In einem extremen Rechteckformat füllte er knapp 2/3 mit dem Kolosseum aus, das andere Drittel aber wird quasi nur von einer Mauer und den wunderbaren Reliefs und Säulen des Konstantinsbogens bedeckt - wie ein velum, das zurückgezogen wird, um den ersehnten Blick auf das Denkmal freizumachen. Der immer wieder magische Moment des Enthüllens ist also das eigentliche Thema des Blattes. Der Betrachter muss mit dem Maler innehalten, steht noch ganz im Bann der Monumentalität des damals noch von keinem Zaun begrenzten Triumphbogens, um endlich das in goldenes Licht getauchte Denkmal genießen zu können. Die Mauer bannt und sperrt den Blick, suggeriert Nähe, der flüchtige Pinselstrich aber erzwingt Fernsicht.
Ein Jahr, bevor in Paris die erste Impressionisten-Ausstellung eröffnet wurde, hatte Alt bereits das Geheimnis des Flüchtigen erkannt, das den Moment zu bannen versteht. (MHH)