Auktionshaus

Auktion: Zeitgenössische Kunst

06. Oktober 2015, 14:00 Uhr

0419

Rainer Fetting*

(1949, Wilhelmshaven)

„Susanna als Infantin“
1997
Öl auf Leinwand
120 × 90 cm
Rückseitig signiert und datiert: Fetting 97

Provenienz

Privatsammlung, Deutschland

€ 13.000

Spätestens seit die Bundesregierung Deutschland dem spanischen Infantenpaar zur Hochzeit ein Gemälde von Rainer Fetting aus dessen Zyklus zu Velazquez geschenkt hatte, kennt man diese Werke aus den späten 90er Jahren. Wobei jedem klar sein dürfte, dass das hier in der Auktion vorliegende Gemälde damals wohl kaum für die nähere Auswahl in Frage kam, denn eine barbusige Infantin Susanna wäre doch ein eher gewagtes Geschenk gewesen.

Das Modell für diese Infantin Fettings heißt "Susanna". Über Jahrhunderte diente die biblische Geschichte der Susanna als guter Vorwand für Maler, Akte zu malen, besonders dann, wenn Aktmalerei öffentlich verboten war. Voyeurismus stellt sich bei diesem Thema stets mehr oder weniger unverhohlen ein und Fetting war nicht der Erste, den dieses moralische Verhängnis interessierte. Eine "Susanna" im Werk von Velazquez sucht man indes vergeblich, fündig wird man dafür in der Berliner Gemäldegalerie, wo eine "Susanna und die zwei Ältesten" von Rembrandt, ein Spätwerk aus dem Jahr 1647, hängt.

Rainer Fetting setzte sich malerisch seit den frühen 90er Jahren erst mit Rembrandt, dann mit Velazquez intensiv auseinander. Ihn reizte dabei die eigene Erprobung der Malweise. Velazquez und auch Rembrandt sind Maler, deren Menschenbild uns bis heute unverstellt begegnet: Sieht man in die Gesichter ihrer Figuren, erscheinen sie vertraut, blickt man in die Räume, sind sie in einer Art atmosphärisch, die uns anzieht. Aber auch die sensible, sinnliche Malweise beider Künstler ist einem modernen Maler wie Fetting seelenverwandt. Die Barockmalerei kommt Fetting entgegen, weil sie ihm inhaltlich viel zu bieten hat, malerisch außerdem eine Herausforderung ist. "Susanna als Infantin" ist für Fettings Verhältnisse eher kleinformatig, dennoch ist seine malerische Vielfalt auf jedem Zentimeter präsent, von zart gemalten Partien bis zu pastos aufgetragenen dicken Ölstrichen. Überall im Werk begibt man sich auf eine Zeitreise, vom Vorbild Rembrandts in der Malstruktur im Rocksaum zu den Velazquezschen Attributen der Infantin, vom Rock bis zur Haarfrisur, aber besonders im feingestalteten Gesicht.

Könnte man Fettings Werk zwischen die großen Vorbilder in der Gemäldegalerie hängen, ginge der eigene Blick hin und her: Susanna ist bei Fetting eine junge Frau von heute, so wie schon Rembrandts Susanna zu dessen Lebzeiten leibhaftig Modell für eine biblische Geschichte stand. Auch Velazquez' Frauen haben lebhafte, lebendige Gesichtszüge, sie sind schön, weil Velazquez sie gemalt hat. Ist auch Fettings Infantin schön, ist sie überhaupt eine Infantin? Sie ist wunderschön gemalt, etwas würdevoll Verschmitztes haftet ihr an, liegt es am Kostüm, an der Frisur, an der eleganten Haltung, die das Kostüm unterstreicht? Das Gesicht ist sehr offen gemalt, lässt sich nicht festlegen, als wolle es den Gedanken in uns freien Raum lassen. Von hier aus entwickelt das Werk eine Phantasie, die den Betrachter in Bann hält. Haltung und Ausstrahlung der Susanna sind äußerst gegensätzlich. Ihr Auftreten ist elegant, die Frisur ist es nicht, selbst wenn ihr die aufwendig aufgefächerte Barockform historischer Haarpracht hinterlegt ist, bleibt doch der freche moderne Haarschnitt im Vordergrund. Die Ausstrahlung ist die einer selbstbewussten Frau, obwohl ihr Gesichtszug entrückt erscheint. In jedem Fall verkörpert sie als Frau den Wandel der Zeiten durch malerische Kunstgriffe, deren Rainer Fetting mächtig ist.

Das ist nicht selbstverständlich, aber der Künstler hat sich nun einmal etwas ganz Besonderes zu erschaffen vorgenommen, das er zu meistern verstand. Vielleicht erstaunt am meisten, wie Fettings malerisches Können das Werk erfüllt, ohne dass es angestrengt oder konstruiert wirkt. Beim Malen dieses Bildes scheint seine Phantasie immer neue Kapriolen geschlagen zu haben, amüsiert bringt er eine uralte Sittengeschichte zu einem guten Ende: seine Susanna ist in ihrer Nacktheit entrückt und selbstbewusst. Der Betrachter weiß genau, dass ihr heute kein Sittengericht mehr droht. (IR)