Auktionshaus

Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts

16. Juni 2015, 16:30 Uhr

0220

Johann Baptist Reiter

(Urfahr 1813 - 1890 Wien)

„Der Hanfhandel“
um 1875
Öl auf Leinwand
63 × 50 cm
Signiert links unten: Reiter

Provenienz

Dorotheum Wien, 114. Kunstauktion, 7.3.1935, Nr. 590; Dorotheum Wien, 606. Kunstauktion, 3.-6.12.1974, Nr. 115, Tafel XXXVII; Salzburger Privatbesitz; Wiener Privatsammlung

Literatur

Wolfgang Born, Johann Baptist Reiter, Ausstellungskatalog, Galerie Neumann & Salzer, Wien 1937, Kat.-Nr. 76, S. 29, Tafel XXIV (SW-Abb.); Alice Strobl, Johann Baptist Reiter, Wien 1963, Kat.-Nr. 304; Lothar Schultes, Bilder des Lebens. Johann Baptist Reiter und der Realismus des 19. Jahrhunderts, Katalog des OÖ Landesmuseums, Linz-Grafenegg 1990, Nr. 304 (SW-Abb.), S. 90; Lothar Schultes, Johann Baptist Reiter, Salzburg 2013, Abb. 372, S. 259

€ 16.000

Als Sohn eines Tischlermeisters erlente Reiter das Tischlerhandwerk in der väterlichen Werkstatt, wo er auch noch nach seinem Freispruch als Schildermaler und Bemaler von Möbeln und Totenkreuzen tätig war. 1830 übersiedelte er nach Wien, um ein Studium an der Akademischen Graveurschule zu beginnen. Als seine Lehrer nennt er u.a. Leopold Kupelwieser, Johann Ender und Joseph Redl. Ab 1842 wandte sich Reiter intensiv der Porträtmalerei zu, wobei er in der genauen Schilderung von Charakterzügen Georg Ferdinand Waldmüller sehr verwandt wurde. Im folgenden Jahrzehnt entstanden jene Arbeiten, die seine Bedeutung manifestierten. 1848 wurden seine Werke ausgesprochen politisch und in verschlüsselten Bildern zeigte er die Problematik des Arbeitermilieus. Ab den fünfziger, vor allem aber in den sechziger Jahren traten das Thema der Familie ins Zentrum von Reiters Schaffen. Nach seiner zweiten Heirat im Jahr 1866 wurden seine Frau Anna und die beiden Kinder zu seinen beliebtesten Modellen, mit denen er immer wieder beschauliche Genreszenen inszenierte.

Unser Bild zeigt einen gewölbten Lagerraum in dem eine Dame in grünem Kleid auf einem Lederfauteuil sitzt. Das Modell für diese Frau ist Reiters Gemahlin Anna. Neben ihr steht ein jüdischer Händler mit einer Hanfsträhne in seiner linken Hand. Mit kritischem Blick prüft die Frau die Fasern während der bärtige Geschäftsinhaber die Qualität seiner Ware erklärt. Geschäftig geht es auch im Hintergrund zu, wo ein Arbeiter gerade einen Ballen verstaut. Besonders reizvoll ist die farbliche Gestaltung des Bildes. In gedämpften Erdtönen zeigt Reiter den Raum und sein Mobiliar, die Figuren hingegen hebt er durch die besondere farbliche sowie soffliche Bearbeitung der Kleidungsstücke hervor. Das gelb-grüne Kleid der Frau, mit den türkisen Ärmeln und Maschen bildet einen interessanten Kontrast zum braunen Leder des Fauteuils, ebenso gekonnt gestaltete Reiter das Gewand des Händlers. Die glatte Oberfläche des Mantels schimmert in einem satten Schwarz, das Innenfütter hingegen besteht aus einem wertvollen Pelz, dessen weiche, seidige Beschaffenheit Reiter wirkungsvoll festgehalten hat. Von diesem jüdischen Händler gibt es auch ein zeitgleiches Porträt (Kat. Linz-Grafenegg 1990, S. 90 WV-Nr. 305), daher liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei unserem Bild um ein Auftragswerk dieses Händlers gehandelt hat und eventuell als Ausstattungsstück für sein Geschäft bestimmt war. (MS)