Hat Markus Schinwald hellseherische Fähigkeiten? Das Bild „Heinz“ entstand bereits 2018, könnte aber zeitgemäßer nicht sein. Über das Gesicht seines Protagonisten ist eine Art große Maske gebreitet, die ihm die Luft zum Atmen nimmt – wie uns die Corona-Pandemie.

Die Projektionsfläche der Seele 

Schinwald, 1973 in Salzburg geboren, arbeitet seit jeher mit verstörenden, beunruhigenden Situationen und veränderten Wirklichkeiten, womit sein Werk heute (sein Schaffen umfasst Malerei, Video, Choreografie, Performance und Skulptur) einen besonderen Nerv trifft. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht der Mensch und dessen Befindlichkeit – der Künstler will wissen, wie es uns wirklich geht. Dazu verwendet er unterschiedlichste Bilder und Symbole, er manipuliert und verändert den Körper, es interessieren ihn vor allem dessen Defizite; fast könnte man mit seinen Wesen Mitleid haben. Seine Arbeiten reflektieren die Freud’sche Theorie zur Hysterie, wonach sich psychische Störungen durch körperliche Störungen manifestieren können. Der Körper ist also nichts anderes als die Projektionsfläche der Seele: In „Heinz“ sehen wir unsere Ängste gespiegelt.

Danse Macabre

Für seine Portraits kauft Schinwald Bilder aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert, restauriert sie und gibt ihnen schließlich mit seiner Übermalung ein zweites Leben. Er versieht die Figur mit merkwürdigen Behelfen, die oft wie Prothesen wirken und nicht selten wie Folterinstrumente.

Schinwald kommt ursprünglich aus der Mode, sein Interesse konzentrierte sich aber bald auf den Körper und „wo sich Körper spürbar machen“, wie er in einem Interview 2011 zu seinem Video „Orient“ erklärt. Dieses war Teil seiner Arbeit für den österreichischen Pavillon bei der Biennale im selben Jahr. Die Tänzer bewegten sich in einer teils impulsiv, teils fast tänzerischen Choreografie. Sie stemmten sich gegen ihre Umgebung und verschmolzen dann doch wieder mit ihr. Seine Beschäftigung mit dem Körper führte zu weiterer Arbeit mit dem Medium Tanz – er choreografierte für das königlich schwedische Ballett und immer wieder mit dem Tänzer Oleg Soulimenko. Aktuell arbeitet er an einer Aufführung für die Wiener Festwochen 2021 mit dem Titel „Danse Macabre“. In einem vorab präsentierten Videoclip auf YouTube erkennt man einen Tänzer, der in einer düsteren Umgebung immer wieder seine Hände vor das Gesicht legt – und damit stark an „Heinz“ erinnert.

Vertraute Fremdheit 

Auch in seinen Skulpturen behandelt Schinwald Körperlichkeit – er fertigt sie aus Tischbeinen, wie ebenfalls auf der Biennale in Venedig zu sehen war. Diese interessieren ihn, weil sie dem Schwung menschlicher (Frauen-)Beine nachgebildet sind, was besonders in der viktorianischen Zeit als anzüglich empfunden wurde. Auch diese Skulpturen bedienen den ein wenig unheimlichen Aspekt in seinem Werk, das das Vertraute stets mit dem Fremden mischt.