Die Sammlung Wolfgang Graninger

„Unter diesem ganzen Gewirr an Stilisten, die so wenig zu sagen haben, sind Sie doch der einzige, der wirklich die seelische Substanz der Dinge zu erreichen weiß.“ Ernst Jünger zu Alfred Kubin

Alfred Kubin, 1877 in Leitmeritz/Nordböhmen geboren, war bildender Künstler und Schriftsteller; ein Kind seiner Zeit mit einer Doppelbegabung, in dessen Schaffen die träumerisch-dunkle Seite der Kunst der Jahrhundertwende zum Ausdruck kam. Ein Selbstmordversuch am Grab seiner Mutter, eine wieder verworfene Ausbildung als Fotograf, eine wegen Erschöpfungszuständen abgebrochene Karriere bei der Armee… Kubin war ein nervöser, hochsensibler Künstler, der lieber auf der dunklen Seite wandelte: „Die Menschen wollen das Leben enträtseln. Mir aber macht erst sein Geheimnis das Leben schön und lebenswert.“

Alfred Kubin*
(Leitmeritz 1877-1959 Zwickledt)
Hinüber, 1899

Die Lektüre der philosophischen Werke von Nietzsche und Schopenhauer vertiefte seine pessimistische Weltanschauung weiter, und sein zeichnerisches Frühwerk ist dementsprechend reich an peinigenden Visionen. Erst durch seine Heirat mit einer mütterlichen Witwe beruhigte sich sein Gemütszustand, doch damit blieb wiederum seine stark durch Existenzangst geprägte Inspiration aus. In dieser Schaffenskrise wandte er sich der Literatur zu und schrieb 1908 in nur wenigen Wochen seinen Roman „Die andere Seite“, den er auch illustrierte (Lot 387).
Bei dieser Arbeit bildete er seinen fließenden, schwarz-weißen Tuschestil aus, der für sein Werk typisch wurde. Das Illustrieren verschaffte Kubin ein finanzielles Standbein, er zeichnete etwa für Ausgaben der Bücher von Edgar Allen Poe, Fjodor Dostojewski, E.T.A. Hoffmann, Hofmannsthal (Lot 334, 376) oder Ferdinand Huch (Lot 363, 361, 336, 311, 310, 399). Als Inspiration dienten ihm seine Reisen, vor allem aber lebte sein graphisches Werk von der Nähe zur Literatur.

Immer wieder zog es ihn auch in sein Heimatland Böhmen (Lot 362), wo er – ganz seiner Schwermut hingegeben – bemerkte, dass „diese oft düstere menschenarme Landschaft die eigentliche Heimat meiner Seele ist, dass in ihr die tiefsten Wurzeln meines Wesens ruhen.“

Kubin erhielt den Großen Österreichischen Staatspreis und das Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, er starb 1959. Sein Nachlass findet sich im Oberösterreichischen Landesmuseum und der Graphischen Sammlung Albertina Wien.

Die Sammlung von Wolfgang Graninger, der den Künstler noch persönlich kannte, mit rund 150 Zeichnungen, Graphiken und Gouachen von Alfred Kubin bildet den ersten Teil der Auktion „KLASSISCHE MODERNE“ am 17. Juni ab 16 Uhr! (Kat. Nr. 301 – 424)

Alexandra Markl