Ein Mantelkleid aus dem Salon der Schwestern Flöge in Wien
Alexandra Markl

Avantgarde pur – das waren die Kleider aus dem Salon der Schwestern Flöge im Wien der Jahrhundertwende. Genau wie man sein Haus von Josef Hoffmann bauen, es von der Wiener Werkstätte einrichten und die Damen des Hauses von Gustav Klimt malen ließ, so kleidete man sich mit der Mode à la Flöge.

Der Sitz des Salons befand sich in der Mariahilfer Strasse 1b, direkt über dem Café Casa Piccolo. Der Salon war ganz im neuesten Stil von Josef Hoffmann und Kolo Moser eingerichtet, über der Eingangstür hing ein von Gustav Klimt entworfenes Mosaik mit dem Firmennamen, auch das Briefpapier hatte er entworfen. Das Interieur war in Schwarz und Weiß gehalten und in den Probierräumen waren die wandhohen Spiegel verstellbar, damals eine Sensation in Wien.

Die drei Schwestern waren alle gelernte Schneiderinnen, die Älteste hatte sogar eine Nähschule besessen. Während sich Pauline und Helene aber mit Organisation und Buchhaltung beschäftigten, war Emilie als Jüngste der kreative Kopf. Sie fuhr zu den Modemessen nach Paris und London, kaufte die Stoffe und entwarf die Modelle. Zu einer Zeit, da es auch in Paris nur männliche Couturiers gab, war sie die erste Frau, die nicht nur handwerklich, sondern auch wirklich künstlerisch tätig war.

Bereits 1903 entwickelte Emilie Flöge, die Lebensfreundin Gustav Klimts, das durch die Wiener Werkstätte beeinflusste Reformkleid. Individualität, künstlerische Form und vorzügliches Handwerk sollten gefördert werden, Einengendes wegfallen.

   

Denn die Mode der Zeit schnürte die Frauen ein: Korsett, Mieder, Reifröcke und textile Aufbauten nahmen ihr die Luft zum Atmen. Gleichzeitig entstand aber ein neues weibliches Selbstbewusstsein – Frauen durften ab 1897 an der Universität Wien Philosophie studieren; es gab Journalistinnen, Künstlerinnen und Kämpferinnen für Wahlrecht und Gleichberechtigung.
Dieser Atmosphäre des Aufbruchs trug der Salon Schwestern Flöge ab 1904 mit einer Mode Rechnung, die den Frauen (Bewegungs-) Freiheit ermöglichte. Bereits fünfzehn Jahre vor Coco Chanel verlangten die Reformkleider nicht mehr nach Korsett und Mieder. Am Hals meist hochgeschlossen, fiel der Stoff gerade um den Körper, die Ärmel waren weit und überlang.

Und auch wenn sich manche über die „Kittel“ lustig machten: Der Salon Flöge war gut im Geschäft. Allerdings vor allem mit Modellen, die Emilie als Kompromiss empfand. Die Wienerinnen wollten eben meistens nur ein bisschen Moderne, nur die wenigsten ließen sich ganz auf das Reform-Experiment ein. Zudem waren die Kleider exquisit und sehr teuer. Die Modelle wurden aus feinsten Stoffen von Hand gefertigt, und waren für Kundinnen wie Adele Bloch-Bauer, Margaret Stoneborough-Wittgenstein oder Clarisse Rothschild ein Statussymbol.

Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus Mitte der 1930-er Jahre hatte es Emilie jedoch zunehmend schwer, da die wohlhabenden, oft jüdischen Kundinnen ausblieben. Nach dem Anschluss musste der Salon schließen, die Modeschöpferin starb 1952.

Das „Mantelkleid“ aus dem Modesalon der Schwestern Flöge wird am 17. Juni 2019 in der Auktion „JUGENDSTIL“ im Auktionshaus im Kinsky versteigert. zum Exponat

Mag. Alexandra Markl ist Juristin und freie Journalistin; ausgedehnter 15-jähriger Aufenthalt in den USA und UK. Der Besuch der Ausstellung „New Art from Vienna“ 2002 in Massachusetts ist der Startschuss für eine immer intensivere Beschäftigung mit Kunst.