Lot 0620 - Online-Katalog - Zeitgenössische Kunst Mi, 4. März 2020, 17:00 Uhr

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Zeitgenössische Kunst

Hermann Nitsch* (Lot 0620), 131. Auktion zoom

0620

Hermann Nitsch*

Schüttbild
Schätzpreis € 25.000 - 40.000
Normalbesteuerung
  • Detailbild 1: Kat. 0620
  • Detailbild 2: Kat. 0620

Hermann Nitsch*

(Wien 1938 geb.)
Schüttbild, 2018
Acryl auf Jute; ungerahmt ; 150 x 200 cm
Rückseitig signiert und datiert: Hermann Nitsch 2018
Provenienz
Privatsammlung, Wien


Hermann Nitsch, dessen Schaffen 2019 in einer großen Retrospektive in der Albertina in Wien gewürdigt wurde, arbeitet bereits ab Mitte der 1950er Jahre an der Grundidee des Orgien Mysterien Theaters. Als Gesamtkunstwerk konzipiert besteht es aus einem perfekt konzertierten Zusammenspiel mehrerer Disziplinen. Die Malerei ist dabei wesentlicher Bestandteil. Formal wurzelt das malerische Werk des Künstlers in der Formauflösung des Informel, im Abstrakten Expressionismus, der die Befreiung der Farbe in den Vordergrund stellt, sowie im Action Painting. Dabei spielt das Freisetzen emotionaler Vorgänge unter Ausschaltung des angelernten Intellekts eine große Rolle. Die Aktion des Malens an sich gewinnt an Bedeutung.

In den „ersten Bildern kann man noch gar nicht von Aktionsmalerei reden. Mir ist es hauptsächlich darum gegangen, dass dick aufgetragene Farbe beim Betrachter Sinnlichkeit auslösen kann. Ich wollte Bilder in einem ganz anderen Stil malen. Dann habe ich begonnen, mit Farbe zu spritzen. Als ich fertig war, war ich von meinem Werk begeistert. Ich wusste sofort, dass ich ab diesem Zeitpunkt anders malen werde. So habe ich zur Aktionsmalerei gefunden“, erzählt der Künstler (https://www.albertina.at/site/assets/files/7041/pressemappe_nitsch-1.pdf) (Stand: 27.1.2020).

In den 1960er Jahren geht die Malerei immer mehr im Aktionstheater auf, es finden kaum mehr eigenständige Malaktionen statt. Erst Anfang der 1980er Jahre kommt der Drang zu reinen Malerei wieder, und „zwar freudvoll, intensiv, spontan und unbekümmert wie nie zuvor“ (https://www.nitschmuseum.at/de/hermann-nitsch/werk/werk-1) (Stand: 27.1.2020). Herman Nitsch arbeitet nun abwechselnd an Malaktionen und Aktionen des Orgien Mysterien Theaters. Ab etwa 1989 tauchen neben der bis dahin vorherrschenden Farbe Rot auf einmal bunte Farben in seinem Schaffen auf, neben Gelb, sind das vor allem die liturgischen Farben Violett, Blau, Grün und Weiß, deren symbolischer Bedeutung sich der Künstler wohl bewusst ist. Im Mittelpunkt steht aber die Auseinandersetzung mit der Materialität der Farbe, die von flüssig bis pastos variiert. Die Farbe wird „geschüttet, gespritzt, gepinselt oder mit der bloßen Hand verschmiert – in ihr ‚wühlt‘ der Künstler gleich in den Eingeweiden der Tiere. Informelle Geste und aktionistische Wirklichkeit verbinden sich“ (https://www.nitschmuseum.at/de/hermann-nitsch/werk/werk-1) (Stand: 27.1.2020).

Parallel zu den Malaktionen entstehen selbstständige Einzelbildwerke, die eine ganz neue Freiheit und Autonomie entwickeln und nicht mehr so stark an ein Konzept gebunden sind. In vorliegendem Schüttbild hat sich über den wild bespritzten Bildgrund eine dicke Farbschicht in Blau und Grün gelegt. Es ist eine eigentümliche Spannung, die hier aufgebaut wird, ein stiller Kampf zwischen Symbolgehalt und real gelebtem Gestus. Das Blau verheißt Entspannung, aber auch Sehnsucht und steht als Farbe des Himmels für das Göttliche. Grün verweist auf die Natur, die Fruchtbarkeit und das Wachstum, und steht auch für Hoffnung und Gelassenheit. Doch in malerischer Ekstase wird diese Symbolik konterkariert.
(Sophie Cieslar)