Lot 0718 - Online-Katalog - Zeitgenössische Kunst Mi, 4. Dezember 2019, 16:00 Uhr

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Zeitgenössische Kunst

Martha Jungwirth* (Lot 0718), 130. Auktion zoom

0718

Martha Jungwirth*

Das Trojanische Pferd

Schätzpreis € 60.000 - 100.000

Meistbot € 75.000
(ohne Aufgeld)
  • Detailbild 1: Kat. 0718
  • Detailbild 2: Kat. 0718

Martha Jungwirth*

(Wien 1940 geb.)
Das Trojanische Pferd, 2019
Öl auf Karton, auf Leinwand kaschiert; ungerahmt; 120 x 200 cm
Rückseitig signiert und datiert: Martha Jungwirth 2019
Provenienz
Auftragswerk für den "Eisernen Vorhang" in der Wiener Staatsoper. Ein Projekt des museum in progress in Kooperation mit der Wiener Staatsoper und der Bundestheater Holding.


Die Hälfte des Verkaufserlöses geht an das Kunstprojekt „Eiserner Vorhang“ von museum in progress in der Wiener Staatsoper.


Kraftvoll und dynamisch präsentiert sich das trojanische Pferd von Martha Jungwirth. Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion oszillierend, ist das Pferd, das in expressiv-schwungvollem Duktus gestaltet wurde, insbesondere im Bereich seines Kopfes als solches gut erkennbar. Das intensive Kolorit ist überwiegend in Rot- und Brauntönen gehalten und fungiert als formales Gestaltungsmittel. „Im Kontrast zum tonigen Packpapier sticht das leuchtende Rot stark hervor, Farbspritzer und Malspuren sind darauf sichtbar. Die einzelnen Linien konstruieren als Raumgerüst den Tierkörper, wobei die über die Silhouette hinaus schwingenden Pinselstriche die raumgreifende Dynamik des Pferdes potenzieren.“ (Antonia Hoerschelmann: Martha Jungwirth, Das trojanische Pferd, in: Ausstellungsfolder „Eiserner Vorhang 2019/20“, hg. v. museum in progress, Wien 2019, S. 2)

Jungwirths Malprozess ist geprägt von Zufall und Kontrolle. In diesem Spannungsfeld entstehen ihre Kompositionen, wobei besonders die jeweiligen Farben und „intelligenten Flecken“, wie sie die Künstlerin nennt, als bildkonstituierende Elemente dienen. Die charakteristische Ausdrucksqualität ihrer Bilder erreicht Jungwirth nicht zuletzt dank der gestalterischen Inklusion des Entstehungsprozess, etwa durch Malspuren, die wiederum auf die Künstlerin selbst verweisen. Jungwirths Vorliebe für Rottöne, die auch beim trojanischen Pferd vorherrschen, dürfte auf ihre sinnliche Kraft und ihre durchaus zwiespältigen Konnotationen zwischen Blut, Leidenschaft, Aggression und Zerstörung zurückzuführen sein. Insofern passt die Ambivalenz der Farbkonnotationen zum Motiv des trojanischen Pferds, das hinter dem erhabenen Äußeren ein unheilbringendes Geheimnis verbirgt. Allerdings ist das Bildmotiv auch hier, wie bei Jungwirth üblich, in erster Linie Ausgangspunkt für die Komposition und rückt schließlich zugunsten einer lyrischen Abstraktion in den Hintergrund. Abbildhaftes wird bewusst vermieden, um Raum für Ausdruck und Emotionalität zu schaffen.

„Das trojanische Pferd“ kann nicht nur aufgrund seines markanten Pendants in der Wiener Staatsoper, das im Rahmen des Kunstprojektes „Eiserner Vorhang“ realisiert wurde, als ein Hauptwerk der Künstlerin angesehen werden. Vielmehr sind darin die typischen Qualitäten, die das Gesamtwerk von Martha Jungwirth auszeichnen, meisterhaft umgesetzt und verdichtet. Jeder Pinselstrich, jeder Fleck, jede Farbnuance ist perfekt gesetzt, im kongenialen Wechselspiel zwischen Spontaneität und Kontrolle, zwischen Abstraktion und Form sowie zwischen Introvertiertheit und Ausdruck.




Der „Eiserne Vorhang“ von museum in progress in der Wiener Staatsoper

„Das trojanische Pferd“ von Martha Jungwirth findet in ihrem „Eisernen Vorhang“ in der Wiener Staatsoper seine monumentale Entsprechung. Seit 1998 realisiert die gemeinnützige Kunstinitiative museum in progress jedes Jahr ein neues Großbild (176 m2), das vor den eisernen Vorhang gespannt wird und für die Dauer von rund 8–9 Monaten zu sehen ist. Eine Jury (Daniel Birnbaum und Hans-Ulrich Obrist) zeichnet für die Künstlerauswahl verantwortlich, deren Werke mehr als 600.000 Opernbesucher/innen pro Spielzeit erreichen. Die bisherigen Künstler/innen inkludieren u.a. Tauba Auerbach, John Baldessari, David Hockney, Jeff Koons, Maria Lassnig, Rosemarie Trockel, Cy Twombly, Kara Walker und Franz West.

Durch das Kunstprojekt „Eiserner Vorhang“ wird die Brandschutzwand zwischen Bühne und Zuschauerraum zu einer Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst. In Momenten großer Spannung und Erwartung – vor Beginn der Aufführung und in den Pausen – entfaltet der „Eiserne Vorhang“ seine sinnliche Kraft, wobei dasselbe Werk eine Vielzahl unterschiedlicher Aufführungen begleitet und mitgestaltet. Speziell für den Publikumsraum der Oper konzipiert, wirken die Bilder als integraler Bestandteil des ephemeren Aufführungserlebnisses auf ihren Umraum und das sich darin abspielende Geschehen.

Ungewöhnliche Präsentationsformen und -orte für zeitgenössische Kunst sind ein Credo der Kunstinitiative museum in progress, die 1990 von Kathrin Messner und Josef Ortner in Wien gegründet wurde. In Anlehnung an den „erweiterten Kunstbegriff“ von Joseph Beuys beansprucht und erweitert der gemeinnützige Kunstverein den Museumsbegriff, und transformiert durch seine Aktivitäten den öffentlichen und medialen Raum in ein „Museum“ für seine Kunstprojekte. Mit Ausstellungen in medialen und öffentlichen Räumen – wie beispielsweise in Zeitungen, Magazinen, auf Plakatflächen, an Gebäudefassaden, in Konzertsälen oder im Fernsehen – integriert museum in progress Kunst in das Spannungsfeld des täglichen Lebens und erreicht durch diese Arbeitsweise ein weitaus größeres Publikum als konventionelle Museumsinstitutionen.

Die Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ verwandelt die Wiener Staatsoper temporär in ein Museum und seinen Publikumsraum in einen Ausstellungsraum für ein einzelnes Bild. Folglich bildet das Projekt eine Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst, wobei die Grenze zwischen den beiden Kunstgattungen als „Schwelle“ fungiert, die verbindet und Neues ermöglicht.

Zum vorliegenden Text vgl.: Kaspar Mühlemann Hartl: museum in progress, Rideau de fer, in: Opéra Monde, Ausstellungskatalog Centre Pompidou-Metz, Metz 2019, S. 72.