Dieses Exponat war Teil der 130. Auktion vom Di, 3. Dezember 2019, 15:00 Uhr.
Archiv: Lot 0304 zoom

0304

Egon Schiele

Bauernhaus

Schätzpreis € 150.000 - 300.000

Meistbot € 200.000
(ohne Aufgeld)
Normalbesteuerung
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Egon Schiele

(Tulln 1890-1918 Wien)
Bauernhaus, 1908
Öl auf Karton; 17,5 x 26,3 cm
Monogrammiert rechts unten: ES
Rückseitig altes Etikett auf Karton mit Bestätigung von Anton Peschka: Bauernhaus von Egon Schiele / Echtheit wird bestätigt durch / 8.I.1920 Ant. Peschka
Provenienz
aus dem Nachlass des Künstlers;
Neue Galerie, Wien;
Otto Kallir, Wien und New York;
Galerie St. Etienne, New York;
österreichischer Privatbesitz
Ausstellungen
1960-61 Boston, Institute of Contemporary Art (6. Oktober - 6. November 1960, "Egon Schiele");
Galerie St. Etienne, New York (15. November - 15. Dezember 1960);
J.B. Speed Museum, Louisville, KY (3. Jänner - 31. Jänner 1961);
Carnegie Institute, Pittsburgh (2. März - 2. April 1961);
Minneapolis Institute of Arts, Minneapolis (19. April - 21. Mai 1961), Nr. 5;
1966 New York, Galerie St. Etienne, Nov.-Dez., "Wiener Werkstätte", Nr. 48
Literatur
Otto Nirenstein, Egon Schiele. Persönlichkeit und Werk, Wien 1930, Nr. 29;
Otto Kallir, Egon Schiele, Oeuvre-Katalog der Gemälde, Wien 1966, Nr. 76, s/w-Abb. S. 76;
Rudolf Leopold, Egon Schiele: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Salzburg 1972, Nr. 105 (o. Abb.);
Gianfranco Malafarina, L'Opera di Schiele, Mailand 1982, Nr. 194;
Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, New York 1990, WV-Nr. P136, s/w-Abb. S. 285 sowie Egon Schiele Online, P136


"Im Jahre 1908 begegnete ich in einer Ausstellung der Klosterneuburger Maler im Marmorsaale des dortigen Stiftes den Werken eines jungen Künstlers, die Aufmerksamkeit erregten. Es waren kleine, hauptsächlich landschaftliche Ölstudien, die flott und sicher gemalt waren... und - jedenfalls Eigenart verrieten. Das war Egon Schiele."
(Heinrich Benesch)

Wir schreiben das Jahr 1908: Auf der Ringstraße folgt ein gebanntes Publikum dem Umzug anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josephs. Auf dem noch leeren Bauplatz des Wiener Konzerthauses wird ein provisorisches Ausstellungsgebäude errichtet und in einer „Kunstschau“ der Wiener Moderne gehuldigt. Die Schau wird von einer Gruppe um Gustav Klimt und Josef Hoffmann konzipiert, die Räume von Kolo Moser, Alfred Roller und Carl Otto Czeschka gestaltet. Unter den ausgestellten Werken sind Ikonen der österreichischen Kunstgeschichte wie Klimts „Der Kuß“ zu sehen, der junge Oskar Kokoschka gestaltet das Ausstellungsplakat. Egon Schiele, der – gerade einmal 18 Jahre alt – als jüngster Student der Wiener Akademie schon im zweiten Studienjahr ist, ist von dieser Leistungsschau österreichischer Kunst beeindruckt und nimmt viele Eindrücke mit, die er in sein Werk einfließen lässt. Vor allem die Bilder Klimts, mit dem ihn ab 1908 eine enge Bekanntschaft verbindet, faszinieren ihn. Sein Malstil beginnt sich zu verändern, die Kontur wird wichtiger, der impressionistische Pinselduktus wird zugunsten eines flächigeren Farbauftrages aufgelöst, leere Flächen als negativer Raum gewinnen an Bedeutung.

1908 sind Landschaften das bestimmende Thema, er dürfte in diesem Jahr viel gereist sein, Motive aus der Umgebung Wiens wie Greifenstein und Klosterneuburg, aber auch jene in Krumau, Stein und Triest entstandenen Bilder belegen dies. Vor allem in den Sommermonaten entstehen spannende, kleinformatige Kompositionen. Bei dieser Suche nach interessanten Blickwinkeln spielt Egon Schieles Liebe zur Natur eine wichtige Rolle, was auch aus vielen in der neueren Literatur aufgearbeiteten Briefen hervorgeht. Der Bedeutung der Landschaftsdarstellung generell wird in der Forschung mittlerweile ein viel höherer Stellenwert eingeräumt: „Von seinen frühesten Studienjahren... agierte die Landschaft durchwegs als wesentlicher Bestandteil von Schieles ganzheitlicher Vision. Daher sollte man diesem Teil seiner Arbeit größere Aufmerksamkeit schenken.“ (Kimberly A. Smith, Egon Schieles Landschaften: Von der Baumlandschaft bis zur Stadtlandschaft, in: Rudy Chiappini (Hg.), Egon Schiele, Ausstellungskatalog, Museo d’Arte Moderna Lugano, Mailand 2003, S. 79)

Egon Schiele stellt das „Bauernhaus“ stark angeschnitten dar, es füllt zwei Drittel der Bildfläche, wächst gleichsam aus der im unteren Teil dargestellten Wiese heraus. Es ist auch ebendieses Organische, das er in den Vordergrund stellt, die korrekte architektonisch-räumliche Wiedergabe ist es nicht, um die es hier geht. Sind viele Landschaften Egon Schieles aus der Vogelperspektive gesehen, so ist es hier eine Untersicht, kombiniert mit einer Nahsicht, die einen äußerst ungewöhnlichen Blickwinkel ergibt. Man müsste einen extrem steilen Hang hinaufkommen oder bäuchlings in der Wiese liegen, um einen solchen Blickwinkel einnehmen zu können. Die Farbgebung ist naturalistischer als im Jahr 1907, die Farbakkorde wie Grün kontrastiert mit dem Pfirsichton an der Hausfassade verraten noch einen Hang zum Jugendstilhaften. Der ruhig breite Farbauftrag hingegen verweist fast ins Abstrakte, patchworkartig ergänzen die einzelnen Teile einander wie Puzzleteile (Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, Expanded Edition, New York 1998, S. 280). Schiele gestaltet hier eine Landschaft, „indem er die von Klimt und der Secession gesetzten Beispiele übernimmt, diese aber gleichzeitig auch zurückweist“ (Smith, S. 102).
(Sophie Cieslar)