Dieses Exponat war Teil der 130. Auktion vom Di, 3. Dezember 2019, 15:00 Uhr.
Archiv: Lot 0301 zoom

0301

Egon Schiele

Sitzender männlicher Akt

Schätzpreis € 50.000 - 80.000

Meistbot € 80.000
(ohne Aufgeld)
  • Detailbild 1: Kat. 0301
  • Detailbild 2: Kat. 0301
  • Detailbild 3: Kat. 0301

Egon Schiele

(Tulln 1890-1918 Wien)
Sitzender männlicher Akt, 1909
Bleistift, Tusche auf Papier; 32 x 31,8 cm
Signiert und datiert rechts unten: Schiele / Egon / 09
Provenienz
österreichischer Privatbesitz
Das Werk wurde von Jane Kallir am 02.10.2019 im Original begutachtet. Jane Kallir wird das Werk mit der Nummer D. 325a in die in Vorbereitung befindliche digitale Ergänzung ihres Werkverzeichnisses "Egon Schiele. The Complete Works" aufnehmen. Ein Fotozertifikat von Jane Kallir wird nachgereicht.


Im Jahr 1909 kann Egon Schiele durch die Vermittlung Gustav Klimts das erste Mal sein Werk auf einer großen Ausstellung präsentieren. Er wird zur zweiten „Kunstschau“ eingeladen. Stilistisch ist er seinem Mentor noch stark verhaftet, kopiert ihn sogar in seinem äußerlichen Auftreten ein wenig, er trägt einen weißen Kaftan, beginnt ebenfalls japanische Holzschnittkunst zu sammeln, signiert in blockartiger Anordnung wie Klimt und bezeichnet sich als „Silber-Klimt“ (Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, Expanded Edition, New York 1998, S. 48). An der Akademie fühlt sich der junge Künstler immer weniger wohl und bringt seinen Unmut in einem Beschwerdebrief an seinen Professor Christian Griepenkerl zum Ausdruck. Dem danach drohenden Ausschluss entgeht Schiele, indem er selbst voll der Überzeugung, nichts Neues mehr lernen zu können, von der Akademie abgeht. Im selben Jahr formiert sich die „Neukunstgruppe“, die im Dezember mit einer Ausstellung in der Galerie Gustav Pisko in der Wiener Lothringerstraße an die Öffentlichkeit tritt. Im Zuge dieser Schau lernt Schiele den Kunsthistoriker und -kritiker Arthur Roessler kennen, der ihm wichtige Kontakte zu Kunstsammlern wie Carl Reininghaus und Oskar Reichel vermittelt und zu seinem Mentor wird. Eine weitere wichtige Begegnung im selben Jahr ist jene mit dem Künstler Max Oppenheimer. Die kurze Freundschaft mit diesem bringt eine Abwendung vom dekorativen Jugendstil und eine Hinwendung zum Expressionismus.

Die in diesem schicksalhaften Jahr entstandene Zeichnung eines jungen Mannes ist bereits ein Vorbote des Expressionismus, der in der Folge immer mehr im Werk Schieles Oberhand gewinnen wird. Noch steht der Aufbau der Zeichnung dem grafischen Werk Gustav Klimts und der Linearität des Jugendstils sehr nahe. Die Betonung liegt auf einer prägnanten Umrisslinie, die das Körperhafte umschließt und es in spannungsvollen Kontrast zu der das Subjekt umgebenden Leere setzt. Der feinen Bleistiftzeichnung werden flächige Farbfelder entgegengestellt, hier ist es der pechschwarze Haarschopf des jungen Mannes. Der Jüngling kauert an der Kante eines Bettes oder Sofas, das nur mit einem raschen Strich angedeutet wird. Großteils in Rückenansicht wiedergegeben, dreht er seinen Kopf und seine rechte Schulter dem Betrachter zu, wohin genau er seinen Blick wendet, ist schwer festzustellen. Die feinen Gesichtszüge mit der spitzen Nase und den vollen Lippen wirken fast feminin und stehen im Kontrast zum knochigen Körper. Wie kein anderer begreift Egon Schiele, das unter dem Dekorativen, Schönlinigen auch eine morbide Grundstimmung lauert. Der Mensch ist in seiner Nacktheit, alleingelassen in einem großen, weiten Raum, einem unbekannten Schicksal ausgeliefert. Die Grenzerfahrung zwischen Eros und Tod wird zum zentralen Thema.

Im Mai 1910 wird Egon Schiele das „schwarze“ (Egon Schiele an Anton Peschka, in: Kallir, S. 77) Wien verlassen und mit seiner Muse und Geliebten Wally Neuzil nach Krumau, dem Geburtsort seiner Mutter ziehen.
(Sophie Cieslar)